Rauschen im Ohr: Tatort Gehirn

Foto: Gerd Altmann

Rauschen im Ohr – ein Symptom, zwei Versionen

Bei der Diagnose Tinnitus wird zwischen zwei verschiedene Arten der Erkrankung unterschieden: dem objektiven Tinnitus und dem subjektiven Tinnitus.

Objektiver Tinnitus

Das Rauschen im Ohr hat seine Ursache in einer Schallquelle, die direkt im Ohr oder seiner unmittelbaren Umgebung entsteht. Der Arzt kann diese durch entsprechende diagnostische Maßnahmen hör – und messbar machen. Ursachen können Gefäßmissbildungen, Strömungsgeräusche von Arterien (Bluthochdruck), Erkrankungen des Mittelohres, Herzfehler, schlimmstenfalls auch ein Tumor sein. Der Anteil der von einem objektiven Tinnitus erkrankten Patienten beträgt weniger als 1%. Die Tinnitus-Behandlung erfolgt in diesem Fall durch eine Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung.

Subjektiver Tinnitus

Das ist das Symptom, dass die meisten Menschen mit Ohrensausen quält. Nur der Patient selbst kann das Rauschen im Ohr wahrnehmen.Das Rauschen im Ohr ist von außen nicht messbar, weil keine Schallquelle innerhalb des Körpers nachgewiesen werden kann.

Die Ursachen für die Ohrgeräusche sind hier fehlerhafte Informationen bei der Hörverarbeitung. Weil das Rauschen im Ohr „nicht wirklich“ existiert und von Außenstehenden nicht wahr genommen wird, ist der Leidensdruck der Patienten besonders hoch. In schweren Verläufen kann die Erkrankung schwere psychiatrische  Probleme mit sich bringen und zu einer vollkommenen sozialen Isolation führen, die eine Teilnahme am Berufsleben oder am sozialen Alltag nur noch schwer möglich macht.

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Tatort: Gehirn

Das menschliche Gehirn ist unser wichtigstes Organ. Ein menschliches Gehirn wiegt – abhängig von Körpergröße und Geschlecht – durchschnittlich 1400 g. Es besteht aus knapp 100 – 150 Milliarden Nervenzellen und verbraucht ca. 20 % des gesamten Energiebedarfs unseres Körpers. Das Gehirn ist die Steuerzentrale für die wichtigsten Funktionen, Emotionen und die Verarbeitung sämtlicher Sinneseindrücke unseres Körpers, also auch für die Verarbeitung von Ohrgeräuschen.

Wie wir hören

Stell Dir vor, Du stehst am Meer und hörst das Rauschen der Brandung. Dieses Geräusch erzeugt ein positives Rauschen im Ohr. Alle Arten von Geräuschen, seien es Gespräche, Musik, Lärm oder hier das Rauschen der Brandung … treffen in Form von Schallwellen auf unser Ohr.

Die äußere Anatomie des Ohres wirkt dabei wie ein Schalltrichter der auch dieses Rauschen im Ohr sammelt, es verstärkt, und in den Gehörgang des Ohres weiterleitet. Am Ende des Gehörgangs treffen die Schallwellen auf eine dünne Membran, Trommelfell genannt. Das Trommelfell wird in Schwingungen versetzt. Es überträgt die Schwingungen, die das Rauschen im Ohr erzeugt hat, über die Gehörknöchelchen und über eine weitere Membran in die Hörschnecke. Den Namen Hörschnecke trägt der Teil unseres Hörorgans nicht zufällig, weil er in seiner Form wie das bekannte Haus einer Schnecke konstruiert ist. In der mit Körperflüssigkeit gefüllten Hörschnecke sind die sogenannten Haarzellen angesiedelt.

Das Rauschen im Ohr, das durch die Meeresbrandung entstanden ist, löst nun in der Flüssigkeit der Hörschnecke Wellenbewegungen aus, die von den ca. 15.000 Haarzellen in Nervensignale umgewandelt werden. Jede Haarzelle ist mit dem Hörnerv verbunden, der die Nervensignale dann an das Gehirn übermittelt.

Das Rauschen im Ohr landet im Gehirn: der „auditive Cortex“

Im Gehirn angekommen, landen die Nervensignale, die das Rauschen im Ohr erzeugt hat dann im auditiven Cortex. Der auditive Cortex ist das Gehirnareal, welches für die Verarbeitung aller akustischen Informationen verantwortlich ist.

Der auditive Cortex kann Informationen wie sie Dein Rauschen im Ohr erzeugt sogar interpretieren und mit schon bekannten Geräuschen vergleichen und in Beziehung setzen. So entsteht unbewusst die Impression von dem Rauschen im Ohr durch die Brandung am Meer. Du hast ein positives und Deinem Gehirn wohlbekanntes Rauschen im Ohr. Wenn Ohrgeräusche dem Gehirn nicht bekannt sind, dann werden sie bewusst verarbeitet, bekommen wie in unserem Fall eine positive Zuordnung ( Meeresrauschen ist ein schönes Rauschen im Ohr) oder eine negative. Daraus werden neue Nervenverknüpfungen gebildet (Lernen).

Rauschen im Ohr und Terror im Gehirn

Die Anzahl der Nervenzellen (Neuronen) in unserem Gehirn bleibt ein Leben lang gleich. Aber die Verknüpfungen, die sie miteinander eingehen, können sich jederzeit ändern. Eine Nervenzelle kann mit hunderten oder tausenden anderen Nervenzellen verbunden sein. Solche Verbindungen entstehen durch Lernerfahrungen. Man nennt sie auch neuronale Netzwerke. Da unser Gehirn ständig lernt und neue Erfahrungen macht, können auch ständig neue neuronale Netzwerke entstehen. So ist das auch bei unserem Rauschen im Ohr.

Auch Gewohnheiten oder Suchtverhalten basieren auf einer bestimmten Verknüpfung von Nervenzellen. Deshalb ist es so schwer sich etwas abzugewöhnen, denn das Gehirn muss lernen, alte Nervenverknüpfungen aufzulösen und neue aufzubauen.

Was macht nun das Rauschen im Ohr? Warum bleibt das Ohrensausen – auch dann wenn die Störungen des Hörsystems, die die Ohrgeräusche ausgelöst haben, längst beseitigt sind? Die Nervenzellen haben für das Ohrensausen neue Verbindungen strukturiert, und sich so verknüpft, dass ein neues neuronales Netzwerk entstanden ist. Die Ohrgeräusche haben sich im Gehirn manifestiert und werden dort förmlich „eingebaut“. So entstehen chronische Ohrgeräusche: Das ist der „Terror im Gehirn“!

Was die Tinnitus Behandlung so schwierig macht

Damit die Ohrgeräusche wieder verschwinden muss das Gehirn also „umprogrammiert“ werden. Die Nervenzellen müssen in die Lage versetzt werden, die Verknüpfungen für das Rauschen im Ohr aufzulösen und sich ganz neu zu strukturieren und eine neue positive Verknüpfung für das Rauschen im Ohr einzugehen.

Das ist aber gar nicht so einfach. Nehmen wir einmal unsere Angewohnheiten. Auch jede Angewohnheit basiert auf neuronalen Verknüpfungen in unserem Gehirn. Es hat ja gelernt auf eine bestimmte Situation immer mit dem gleichen Verhalten zu reagieren. Jedoch kann man eine Angewohnheit, die man verändern möchte auch loswerden wenn man es wirklich will. Das ist ziemlich schwierig. Dennoch ist es möglich, wenn man dem Auslöser der Angewohnheit mit einem neuen, anderen Verhalten begegnet. Dazu gehört allerdings ein großes Maß an Selbstdisziplin.

Wenn man sich mit einem großen Maß an Selbstdisziplin etwas abgewöhnen kann, dann muss es doch auch möglich sein, das Rauschen im Ohr wieder loszuwerden, Oder?:

  • Ich will, dass dieses schreckliche Ohrensausen, dieses ständige Pfeifen, Piepsen, Brummen, Zischen, Rattern wieder weggeht.
  • Ich will, dass ich wieder richtig schlafen kann.
  • Ich will keine Depressionen mehr haben.
  • Ich will wieder ein normales Leben führen.
  • Ich will nicht mehr ständig abgespannt und müde sein.
  • Ich will nicht mehr ständig unter Stress stehen.

Hier liegt der Hauptgrund, der die Tinnitus Behandlung so schwierig macht: „Ich will, Ich will, Ich will“…Auch wenn ich das alles noch so viel will. Mein Problem werde ich auch mit dem größten Maß an Selbstdisziplin nicht los. Es könnte eher sein, dass die Ohrgeräusche noch stärker werden, denn das Rauschen im Ohr lässt sich mit „Ich will…“ nicht beeinflussen.

Nehmen wir den letzten Wunsch aus der Liste: „Ich will nicht mehr ständig unter Stress stehen.“ Dieser Wunsch macht wie alle anderen eines besonders deutlich. Wenn ich keinen Stress mehr will bringt das nur neuen Stress hervor. Helfen kann nur eines, und das ist : Stress abbauen!
Stress abbauen bei Tinnitus ist die größte Kunst von Selbstdisziplin – da sie einen anderen Umgang mit Situationen die mich unter Stress setzten erfordert.

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